Gegen Hass, Antifeminismus und Antisemitismus

Bericht zur öffentlichen Mitgliederversammlung am 15. November 2023 mit Sharon Adler

Antisemitismus und Antifeminismus sind historisch und ideologisch eng miteinander verschränkt und teilen eine lange Tradition von Gewalt und Vernichtung in Deutschland und weltweit. Obwohl zutiefst menschenfeindlich verbinden sie als starker Kitt unterschiedlichste gesellschaftliche und politische Milieus. Der entsetzliche Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7.10.2023 hat dies drastisch und unübersehbar vor Augen geführt. Der BFB 1945 e.V. hat sich am 14.10.2023 öffentlich zum Terrorakt der Hamas mit einer Erklärung positioniert: „Wir verurteilen den antisemitischen und frauenfeindlichen Terror der Hamas“   

Aufgerüttelt durch den unvorstellbaren Terrorakt wird in Deutschland wieder verstärkt über das erschreckende Ausmaß an Antisemitismus in reaktionären, antimodernen, extrem rechten aber auch in linken, sich fortschrittlich gebenden Kreisen diskutiert. In diesem Kontext ein Schlaglicht auf die Verknüpfung zwischen Antisemitismus und Antifeminismus zu werfen, war Anlass für den Berliner Frauenbund 1945 e.V. zu einem Austausch mit Sharon Adler einzuladen.

Wir danken ihr für ihre Bereitschaft, die aktuelle Situation aus der Perspektive einer in Deutschland lebenden und arbeitenden Jüdin zu beleuchten und sich unseren Fragen zu stellen.

„Die Anderen“: Gleichgültigkeit, Distanziertheit, Hass 

Mechthild Rawert, Vorsitzende des BFB 1945 e.V., stellte in ihrer Einführung den ideologischen Kontext dar. Die Konstruktion von „die Anderen“ ist häufig damit verbunden, dass diese Menschen weniger wert seien, nicht als Individuum wahrgenommen und Ausgrenzungen, Beleidigungen, Hass und Gewalt ausgesetzt werden. Die Konstruktion „die Anderen“ spiegelt sich in Glaubenssystemen, Vorurteilen, Vorstellungen von Normalität und Sprache wieder.

Es gibt niemanden, der dieser Konstruktion von „den Anderen“ im Laufe des Lebens nicht begegnet ist Vor allem jedoch gibt es Menschen, Gruppen und Parteien, die dieses Konstrukt aktiv zum eigenen Vorteil einsetzen, die bewusst erniedrigen, die hetzen und Hass und Gewalt verbreiten.

Feinde der Demokratie: Antifeminismus und Antisemitismus

Antifeminismus und Antisemitismus sind eng miteinander verwoben, sowohl was ihren Nährboden betrifft als auch im Hinblick auf die Mechanismen, in denen sie sich äußern. 

Gradmesser unserer Demokratie ist auch der Kampf gegen Antifeminismus und Antisemitismus. Beide verleugnen nicht nur das demokratische Recht auf Gleichheit und Gleichbehandlung sondern sind auch ein tagtäglicher Angriff auf die Grundlage unseres Gemeinwesens.

„Es geht um Sichtbarkeit jüdischer Frauen!“

Im Gespräch mit Dr. Eva Schulze, Stellvertretende Vorsitzende des Berliner Frauenbund 1945 e.V., äußert sich die Publizistin Sharon Adler zu gemeinsamen feministischen Herausforderungen aber auch zu ihrer Unsicherheit nach dem 7.10.2023 als deutsche Jüdin in unserer Gesellschaft. 

„Für mich ist seit dem 07. Oktober nichts mehr, wie es war“, beginnt Sharon Adler ihre Ausführungen. „Am liebsten würde ich mich zuhause unter einer Decke verkriechen, ohne Nachrichten.“ Doch stattdessen verfolgt Sharon Adler „rund um die Uhr“, was in Israel passiert – auch um zu erfahren, wie es ihrer Familie, ihren Freundinnen und Freunden geht. „Das Schicksal der Geiseln ist zu wenig sichtbar“, kommentiert sie aktuelle Berichte in den Medien. „Sie kommen kaum vor. Auch die Solidarität auf den Straßen von Berlin könnte viel größer sein“, und kritisiert das „laute Schweigen“ von Feministinnen, Zivilgesellschaft und Politik.

Sharon Adler wurde 1962 in West-Berlin geboren und wuchs in Berlin, NRW, Holland und Israel auf. „Als Feministin geht es mir um die Sichtbarkeit jüdischer Frauen“, erklärt sie ihre Arbeit. Sie gründete 1999 mit „AVIVA – Online-Magazin für Frauen“ eines der ersten Web-Portale. Hier macht sie bis heute Frauen sichtbar – im Alltag, in der Arbeitswelt, in Politik, Wirtschaft, Kultur und jüdischem Leben. AVIVA.de entstand als Antwort auf die Fragen „Wo sind die Frauen? Wo werden jüdische und feministische Themen zusammengebracht?“.

Die sehr lesenswerte Reihe „Jüdinnen in Deutschland nach 1945. Erinnerungen, Brüche, Perspektiven“ hat Sharon Adler zusammen mit dem Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung ins Leben gerufen. Bisher interviewte sie bereits fast 50 jüdische Frauen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und Berufe.

Ein weiteres „Herzensprojekt“ ist der ehrenamtliche Vorsitz der Stiftung „ZURÜCKGEBEN. Stiftung zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft“, die seit 1994 als einzige Institution in Deutschland explizit jüdische Frauen in Kunst und Wissenschaft mit Stipendien fördert. „Wir vergeben Stipendien an Filmemacherinnen, Bildende und Multimedia-Künstlerinnen, Tänzerinnen, Choreografinnen, Autorinnen, Musikerinnen, Kultur- und Sozialwissenschaftlerinnen, Historikerinnen, Ökonominnen und Physikerinnen – egal welchen Alters oder welcher Herkunft“, so Adler. 

Wegschauen geht nicht“: Das „laute Schweigen“ brechen und sich stärker solidarisieren

In der anschließenden Diskussion wurde auf dem Hintergrund der Lage in Nahost über die mangelnde Sichtbarkeit organisierter Proteste auch seitens der Feministinnen in Deutschland hingewiesen. Sharon Adler vermisst ein lautstarkes Skandalieren der strategisch und vielfach ausgeübten sexualisierten Gewalt gegen Mädchen und Frauen während des Terrorangriffes der Hamas am 7.10.2023, vermisst eine starke öffentliche Empathie für die jüdischen Opfer, vermisst öffentliche Spendenaufrufe zum Abmildern der Leidenssituation der Opfer in Israel. Sie vermisst von hiesigen Feministinnen aber auch eine stärkere Solidarität mit den Protesten im Iran. Frauen und auch viele Männer gehen seit dem 19.9.2022 unter Einsatz ihres Lebens auf die Straße, rufen: „Nieder mit der Diktatur.” Und sie rufen: „Jin, Jîyan, Azadî“, auf Deutsch „Frau, Leben, Freiheit“. Die feministische Parole in kurdischer Sprache steht für das derzeitige Auflehnen der Bevölkerung – unabhängig von Geschlecht, Ethnie, Alter und Schicht – gegen ein unterdrückerisches Regime. 

Reflektierend wird darüber diskutiert, dass in unserem Einwanderungsland Deutschland neue Fragen für den Feminismus, für viele Feministinnen auftreten: Übersehen die Feministinnen der Mehrheitsgesellschaft bestimmte „Opfergruppen“ im Ausland, zu denen aber Gruppen hiesiger Feministinnen, die jedoch qua Herkunft eine Minderheit darstellen, eine enge Verbindung haben? Geben wir diesen Feministinnen in unserer Gesellschaft genügend Sichtbarkeit?

Unsere gemeinsame Aufgabe: Solidarisierung zur Stärkung der Sichtbarkeit von Frauen

Nach diesen vielschichtigen Inputs bleibt eine grundlegende Frage: Was können und werden Initiativen und Vereine wie der Berliner Frauenbund 1945 e.V. tun, um weiterhin gegen Antifeminismus und Antisemitismus vorzugehen? Wir bleiben auf jeden Fall diesbezüglich im Gespräch mit Sharon Adler. Die nächste Veranstaltung zu dieser Thematik findet voraussichtlich am 15. Mai 2024 statt. Die Webseite des Berliner Frauenbundes 1945 e.V. informiert.